2019-01 Besuchsbericht Isa Roth

Ein Ort zur Heilung und Stärkung von Mädchen und Frauen

Rückblick auf drei Besuche im Kloster Kunsang Choling im  Januar 2019

Mein Herz ist voller Dankbarkeit für die Schaffenskraft dieser Menschen, die diesen Ort zur Heilung, Stärkung von Mädchen und Frauen geschaffen haben. Einen Ort an dem sie Schutz, Gemeinschaft und Bildung vermitteln. Ein Platz für Kinder, die eine schwere Kindheit hatten und bei uns vielleicht in Einrichtungen der Jugendhilfe betreut würden. Eine Bleibe für Frauen, die hier bei uns ins Frauenhaus gingen. Einige wenige sind da, die einfach eine fundierte buddhistische Ausbildung anstreben und unabhängig sein wollen oder weil es in religiösen Familien üblich ist, Kinder ins Kloster zu geben. In der Schule bekommen die Mädchen eine fundierte traditionelle neunjährige buddhistische Ausbildung und Grundlagen in Englisch, Nepali, Mathematik und Naturwissenschaften vermittelt. Khenpo Karma Yeshe, der Lama Gondup in der Klosterleitung unterstützt, erklärte mir, dass die Mädchen in den neuen Jahren alle Grundlagen lernen, um selbst diese buddhistischen Inhalte und Rituale weiter geben zu können. Wenn sie als junge Frauen in ihre Dörfer zurück gehen wollen, können sie dort Buddhismus lehren und die Rituale durchführen. Wenn sie an die Universität um sich weiterhin in buddhistischen Grundlagen  zu bilden, steht ihnen der Weg auch offen.

Ich war im Januar 2019 in Nepal und hatte die Chance dreimal unser Kloster zu besuchen. Der erste Besuch war ein Besuchstag, wie ihr ihn jetzt schon mehrmals auf der Webseite des Budha Tara Förderkreises lesen konntet. Dann kam ich zu einem Spielenachmittag mit den jungen Nonnen ins Kloster. Beim dritten Besuch ging es um ein Gespräch zum Bau des neuen Gästehauses, das ich im Auftrag von Iris bzw. von unserem Verein führte. Um Wiederholungen zu vermeiden beschreibe ich hier nur ein paar eindrucksvolle Erfahrungen bzw. Erkenntnisse.

 

„Jede Frau sehe ich als meine Mutter“aus dem Gespräch mit Lama Gondup

Am ersten Besuchstag kam es beim Teetrinken zu einem Gespräch mit Lama Gondup, Khenpo und Karma der Nichte von Lama, die beim Übersetzen half. Lama war zunächst voller Dank für alle Unterstützer*innen und diesen möchte ich somit „hochoffiziell“ weiter geben. Immer wieder wurde gesagt, dass die Nonnen täglich für alle Sponsor*innen beten. Mich hat beeindruckt, dass Lama sagte, dass sein Hauptziel im Leben sei, Mädchen und Frauen zu unterstützen stark und gesund zu sein. Er sagte:“Mädchen haben es auf der ganzen Welt schwerer als Männer und das ganz besonders in Nepal.“ Als ich ihn daraufhin fragte welche Motivation er habe und ob er in seinem früheren Leben eine Frau gewesen sei. Da lachte er sehr herzlich und meinte: “ Das weiß nur Padmasambhava und Buddha. Aber seine Motivation käme daher, dass seine Mutter starb als er sehr klein war und, dass er darunter sehr gelitten habe. Jetzt sieht er jede Frau als seine Mutter an und will Mädchen und Frauen dort unterstützen wo Hilfe benötigt wird. Ist das nicht berührend? Dort in der Ferne, auf dem Berg, ein Mönch im roten Gewand, scheinbar in einer anderen Welt, widmet sein Leben dem Wohl von Frauen.

Wer beschenkt eigentlich wen?Übergabe der mitgebrachten Geschenke

19 Patinnen hatten mir Briefe oder Geschenke für die Nonnen mitgegeben. Ich überreichte sie und hielt ein kurzes Gespräch mit jeder. Die Mädchen und Frauen waren so unterschiedlich wie Mädchen und Frauen nur sein können. Die jüngste war 5 Jahre, die älteste 60 Jahre. Manche wirkten sehr helle und geistig rege. Anderen merkte man an, dass sie sehr schwere Zeiten hinter sich haben und noch Zeit zum Heilen brauchen. Die älteren Nonnen praktizieren vor allem ihre Meditation und helfen im Haushalt oder bei der Gartenarbeit. Wenn sie studieren wollen bekommen sie individuelle Anleitung. Die meisten jungen Nonnen erzählten, dass sie gerne spielen und einige wenige lieben Fernsehen. Erstaunlich fand ich, dass viele erzählten, dass sie gerne Sprachen lernen und dabei kam am besten der tibetische Unterricht weg. Die Übergabe der Geschenke erlebte ich so ebenbürtig, da fragte ich mich: wirklich wer beschenkt eigentlich wen?

Rundgang in der Klosteranlage

Der Ort wirkt insgesamt sehr ästhetisch und macht einen wohnlichen, heimelichen und auch beschützenden Eindruck. Stolz zeigte Khenpo mir die Kaffepflanzen, die wenn alles klappt, in 2-3 Jahren eine erste Ernte bescheren könnten. Auf den Gartenbeeten wuchsen derzeit Zwiebeln und Salat. Neu waren für mich (seit 5 Jahren) die Erdverschiebungen vor dem Kloster. Hier werden noch gerade Flächen für Gemüsebeete geschaffen. Aber der Hauptteil soll in eine Grünanlage gewandelt werden, damit laut Khenpo, die Nonnen eine gute Umgebung haben, die Luft gereinigt wird und hier alle gesund leben können. Es sollen Rosen, Blumen und Bäume gepflanzt werden schwärmt er.

Beim Besuch der Gompa, leitete mich Khenpo an, wie wir den Ort in traditioneller Weise würdigen können. Wie ein kleines Schulmädchen, voller Lernfreude folgte ich seinem Vorbild und machte drei Niederwerfungen, lauschte dem Mantra und legte eine Katha, die er schon vorbereitet hatte, vor den Füßen einer Statue ab.

Das neue Gästehaus und Lama als Bauarbeiter

Wie es der Zufall so wollte, kam am Tag vor dem Gespräch über den Plan ein Gästehaus zu bauen, die Zusage, dass die gesamte Spendensumme von 30000Euro zusammengekommen sind. Das hieß, dass der Bau los gehen konnte. Am nächsten Morgen im Kloster angekommen überbrachte ich die frohe Botschaft. Nahm nochmals einen Blick auf den Ort wo es entstehen soll und noch die alte Hütte stand, die dafür abgerissen werden sollte. Eine Stunde später als wir gemeinsam mit dem Architekten nochmals den Ort angeschaut haben, saß Lama auf dem Dachgerüst und hatte tatsächlich schon fast das ganze Dach der Hütte abgetragen. In dem Gespräch mit Khenpo und dem Architekten, das ich im Auftrag des Vereins führte und auf das mich Iris dezidiert vorbereitet hat, besprachen wir noch Details des vorgelegten Bauplans. Erfahrungsreich war der Ablauf. Nachdem ich offensichtlich zu schnell auf die Inhalte eingegangen bin, führte Khenpo den Ablauf der Begegnung und das hieß: erstmal Tee trinken und ausführlichen Smaltalk führen. Dann Punkt für Punkt alles ganz langsam und differenziert besprechen. Anschließend gab es nochmals einen persönlichen Austausch und das obwohl es hieß, dass der Architekt wenig Zeit hat. Naja, der nepalesische Zeitbegriff ist einfach ein anderer.

Mein persönlicher Höhepunkt – der Spielenachmittag

Der Samstag ist in Nepal und auch im Kloster Feiertag, die Nonnen haben Zeit für ihre persönlichen Belange, wie Wäsche waschen, Zimmer reinigen, Freizeitgestaltung. Ein optimaler Zeitpunkt für einen freien Spielenachmittag. Ich hatte ein langes Hüpfseil, einen Ball, Seifenblasen und viele Luftballone mitgebracht und war gespannt wer und wieviele Kinder und Jungendliche kommen werden. Zunächst kamen Kinder zögerlich an den Spielort des Klosters. Wir starteten mit Seilhüpfen, als ich nach Jahrzehnten selbst gehüpft bin (und das gar nicht so schlecht) entstand ein riesen Gelächter und frohe Stimmung, dass bald der Platz gefüllt war mit Kindern, Jugendlichen und älteren Nonnen, die das Spieletreiben verfolgten.

So spielten wir etwa drei Stunden lang. Was mich beeindruckt hat war die Freude beim Spiel, auch die Kreativität aus nichts ein Spiel zu machen und der Zusammenhalt unter den Nonnen. Manch eine, die bei der Übergabe der Geschenke sich schüchtern gezeigt hatte war hier ganz lebendig und freudig. Höhepunkt war dann für mich, als die verschiedenen Altersgruppen kleine Tänze vorgeführt haben, die sie in der Schule lernen und sich auch auf einen Kreistanz von mir eingelassen haben. Mit diesen Erfahrungen im Herzen begriff ich nochmals tiefer was für ein heilsamer Ort dieses Kloster für viele Mädchen und Frauen ist.

Mein persönliches Resümee

Meine Freude über die Arbeit im Kloster ist groß und mein Herz bekommt eine Ahnung von bedingungsloser Großzügigkeit. Es war ein Geben und Beschenkt werden und eine  Bestärkung der Erfahrung von Verbundenheit aller Menschen und Lebewesen auf dieser Erde.

Isa Roth, im Januar 2019